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Dirk C. Fleck porträtiert Eva-Maria Hagen

Die Papenhuder Straße in Hamburg markiert im Nordosten der Außenalster die Grenze zwischen dem Prachtensemble der Innenstadt und einem architektonischen Allerlei, wie man es ebensogut in Hannover oder Hildesheim geboten bekommt. Es ist eine schattige Straße, in der die alten Patrizierhäuser einen Wall gegen die städtebauliche Willkür unserer Tage bilden. Nur an der Mundsburger Brücke fällt die Sonne ein. Sie taucht zwei Gebäude ins Licht, aus deren sich ein atemberaubender Blick über das Wasser auf die Skyline der Hansestadt bietet. In einem dieser Häuser wohnt Eva-Maria Hagen.
Ihre Wohnung befindet sich im vierten Stock. Sie öffnet die Tür. In den strahlenden Räumen scheint sich der junge Frühling in die Ewigkeit retten zu wollen. Die filigranen Figuren auf den zahlreichen Gemälden, die nach einer kaum zu entschlüsselnden Choreographie die Wände besetzt halten, fungieren ganz offensichtlich als seine Leibgarde.
Dabei ist die Technik, der sich Eva-Maria Hagen in ihrer Malerei bedient, eher
grobschlächtig zu nennen. Wer mit dem Finger über eine Leinwand streift, hat das Gefühl, sich an der dick aufgetragenen, porösen Oberfläche zu verletzen. Aber kaum tritt der Betrachter zwei Schritte zurück, verwandeln sich die Gesichter mit den großen Augen zu feinstofflichen Wesen, die einen noch umgarnen, wenn man ihnen den Rücken kehrt. Tochter Nina gehört ebenso dazu wie der Wolf, Enkelin Cosma- Shiva und all die blumenbekränzten Lichtgestalten, aus deren Rocksäumen Dämonenfratzen grinsen.
"Wir Menschen verfügen über zwei lebenswichtige Privilegien", sagt Eva-Maria Hagen mit Blick auf eines ihrer Bilder: "Das Privileg sich zu erinnern und das Privileg zu träumen." Sie schaut mich verschmitzt an. "Ich habe großartige Träume – manchmal würde ich gerne für immer bei ihnen bleiben. Im Traum ist das Leben gewaltiger. Dort zerfließen die Grenzen zwischen Fantasie und sogenannter Realität.
Träume sind ja auch real. Das gilt ebenso für die Tagträume."
Sie seufzt wie ein Kind, das man aus dem Schlaf rüttelt. Die Träume der Eva-Maria Hagen füllen Tagebuchbände. Als sie 1977, ein Jahr nach der Ausbürgerung ihres ehemaligen Lebensgefährten und Freundes Wolf Biermann aus der DDR nach Hamburg kam, hatte sie begonnen, ihre Träume aufzuschreiben. "Damit ich nicht zum Psychiater mußte. Ich habe mich in diesen Aufzeichnungen an den großen Unbekannten gewandt, an den Geist der mich erschaffen hat. Ich weiß jetzt, dass ich auch unter Wasser leben kann, dass ich unter Wasser atme, wie ich an der Luft nie werde atmen können. Das geht wie Honig durch die Kiemen. Und ich kann fliegen!
Bei Gefahr kann ich fliegen. Einmal flog ich ins Paradies zurück, aber das Tor zum Paradies war winzig klein. Òh`, dachte ich, `da wirst du dir aber gehörig die Samthaut schrammen!` Plötzlich tat sich das Tor weit auf und ließ mich unbeschadet hindurch."
Sie lacht. "Oder meine Luftkämpfe – die sind auch nicht ohne. Ich habe einmal mit meinem Feind gekämpft. Er hatte eine Lederhaut und schoß wie ein Pfeil auf mich zu. Der Dornen seines Gürtels riß mir die Herzlinie auf. Ich wurde immer schwächer, das Blut sprudelte wie eine Fontäne aus mir heraus. Schließlich waren wie zwei Blätter, die sanft dahintrieben. Aus Krieg war Frieden geworden und in der Verschmelzung nahm ich Farben wahr, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte. Ich trank sie durch die Haut, es war absolut göttlich. Da habe ich gedacht..." Sie lacht erneut auf. Es klingt, als amüsiere sich eine Elfe. "Ich habe überhaupt nicht gedacht. Ich wußte plötzlich, dass Schwäche auch Stärke sein kann. Das war absolut real.
Surreal..." Die Chimärenkämpfe der Eva-Maria Hagen sind so einzigartig nicht. Das Tibetanische Totenbuch weist sehr dezidiert auf Erlebnisse dieser Art hin. Es enthält Texte, die man Sterbenden vorliest, damit sich ihre Seelen nach dem Verlassen des Körpers unter "Begleitschutz" durch das sogenannte Bardo bewegen, wie die Tibeter das Zwischenreich nennen, in dem wir unserer irdischen Existenz noch weitgehend verhaftet sind. Was sich der menschlichen Seele an schrecklichen Bildern und Gestalten dort entgegenstellt, kann durch Mut und Vertrauen wie von Zauberhandaufgelöst werden. Damit wird der Beweis erbracht, dass sich die Substanz des Lebens nicht teilen läßt – schon gar nicht in Gut und Böse. Die Tibeter glauben, dass die Art, in der wir durch das Bardo gehen, über unsere Wiedergeburt entscheidet.
"Die Nina will das mit mir auch immer diskutieren", sagt Eva-Maria Hagen und hebt beschwörend die Hände, als wolle sie dem spirituellen Spuk an dieser Stelle ein Ende setzen. "Aber ich sage immer, sie soll mir meinen Weg lassen und ich lasse ihr ihren."
Die sprichwörtliche Toleranz der Hagens wurde im letzten Frühjahr auf eine harte Probe gestellt. Ausgerechnet am Eröffnungstag der Leipziger Buchmesse, auf der der Econ-Verlag "Evas schöne neue Welt" vorstellte, ließ Nina Hagen das Buch ihrer Mutter per einstweiliger Verfügung verbieten. Die Tochter monierte den indiskreten Umgang mit einigen Informationen und Fotos, die ihre Person betrafen. Für die Medien war der Eklat ein gefundenes Fressen, für die Familie bedeutete er eine nie gekannte Herausforderung.
"Das war für mich doch ein mächtiger Hammer", gesteht Eva-Maria Hagen. "Ich hätte nie gedacht, dass sich Nina daran stoßen könnte, weil sie sowohl über ihre als auch über meine Biographie immer sehr offen gesprochen hat. In manchen ihrer Interviews standen Sachen, wo ich gedacht habe, da hätte sie mich ruhig vorher fragen können. Aber ich habe die Zähne zusammen gebissen und es hingenommen."
Die juristische Attacke ihrer Tochter nahm sie ebenfalls klaglos hin. "Wenn das nicht von Nina gekommen wäre, hätte ich um das Buch gekämpft, dann hätte ich gesagt, okay, auf dieses oder jenes kann ich gerne verzichten. In diesem Fall habe ich den Einspruch sofort akzeptiert."
Mit beträchtlichen finanziellen Folgen. 4000 Bücher waren bereits ausgeliefert. Sämtliche Kosten, die dem Verlag bei der Herstellung entstanden waren, hatte nun sie zu tragen. "Nina ist halt unberechenbar", sagt sie und legt ein Exemplar des zurückgezogenen Werkes auf den Tisch, "man weiß bei ihr nie, womit sie dich am nächsten Tag überrascht."
Sie blättert kurz in dem Buch. "Ich werde auch in Zukunft immer für Nina da sein, wenn sie mich braucht", versichert sie. "Aber ich möchte jetzt nicht ins Detail gehen, das werden Sie verstehen. Eines Tages werde ich meine Haltung dazu zu Papier bringen. Es ist nun mal so, dass man in den Hintergrund zu treten hat, wenn erst einmal Kinder da sind. So ist es von eh und jeh gewesen. Das ist Nina noch nicht bewußt."
Sie greift zu ihrer Gitarre und stimmt einige Akkorde an. Es ist wie ein Reflex, denn in der Musik, beim Malen und beim Schreiben ist es ihr am ehesten möglich, die Gewichte abzuladen, die ihr auf der Seele lasten. "Damit Sie mich richtig verstehen", sagt sie und lächelt, "wir haben keinen Krieg miteinander. Es sind Konflikte, aber das ist normal. Jeder von uns ist ein Einzelwesen, auch in der Familie. Jeder bleibt mit seinem Gefühlsapparat allein, wenn er etwas Eigenes machen will. Man könnte natürlich auch in der Gruppe verharren. Aber so sind wir nicht veranlagt. Wir wollen schon zu den Sternen greifen..."
Mit ihrem vorletzten Buch "Eva und der Wolf", das 1998 erschien, ist ihr das
hervorragend gelungen. Der Titel klingt wie ein Märchen aus uralter Zeit. In
Wahrheit ist der hier veröffentlichte, durch Tagebuchaufzeichnungen und Stasi- Protokolle ergänzte Briefwechsel zwischen Eva-Maria Hagen und Wolf Biermann so etwas wie ein Sittenbild der jüngsten deutschen Geschichte. Die Courage, mit der sich die Liebenden trotz aller Bespitzelung und Repressionen zueinander bekannten, verströmt ein Aroma, das die menschenverachtende Kälte des DDR-Machtapparates besser entlarvt, als es ein Dossier oder Schwarzbuch jemals könnten.
1965 hatte die Liebe zwischen der "Marilyn Monroe des Ostens", wie die Hagen damals genannt wurde, und dem streitbaren Barden begonnen. Der letzte Brief dadiert vom 16.3.1977, also wenige Monate nach der Ausbürgerung Biermanns, als auch sie die DDR verließ. "Ich bin praktisch fristlos entlassen worden", sagt sie, "die haben mich weggeschäucht wie einen räudigen Hund, das war sehr verletzend."
So richtig angekommen ist Eva-Maria Hagen im Westen nie. Noch 1986 schrieb ihr Wolf Biermann ein Lied mit dem vielsagenden Titel "Die ausm Osten". Darin heißt es: "Ich finde das Leben im Westen bon, und plapper schon munter im Westjargon. Und dennoch gibt es so Extras hier, die viel zu viel Seelengeld kosten. Da sag ich: Nee! Nein Danke!! Kein Bedarf! Ich bin noch auf andres Leben scharf – ich bleib immer die ausm Osten."
Inzwischen hat sich die Besungene längst wieder ihren Wurzeln genähert. Sie besitzt eine Zweitwohnung am Prenzlauer Berg und wenn sie Erholung sucht, fährt sie in die Uckermark. Dort läuft sie dann über die hügeligen Wiesen und probt ihre Rollen.
"Einmal habe ich dort den Text der Medea gelernt, die ja vor Eifersucht brüllt wie ein Tier. Plötzlich haben sich die Rindviecher um mich herum aufgestellt wie ein griechischer Chor. Was wollt ihrdenn ?! habe ich gefragt. Sie guckten mich an und ihre Augen sagten: Wir verstehen Dich!." Sie lacht: "Haut ab, habe ich gerufen, das war doch nur Spiel! Aber sie trotteten weiter hinter mir her, als wollten sie sagen: Wer so brüllt, empfindet tiefen Schmerz, dem stehen wir bei, komme was wolle..."
Eva-Maria Hagen berührt die Bernsteinkette, die sie um den Hals trägt. Ein
Schmuckstück aus Riga, wo sie Ende der neunziger Jahre auf Einladung des Goethe-Instituts einen ihrer berühmten Liederabende gab. Wolf Biermann hatte für sie einen Strauß baltischer Melodien mit deutschen Texten versehen. "Die Menschen waren begeistert, als sie hörten, in welchem Gewand ihre Lieder zu ihnen zurückkehrten", erinnert sie sich. Der "Stern" schrieb damals, das Publikum hätte sie wie eine baltische Königin empfangen.
"Wenn sich Freunde in Litauen oder Lettland auf der Straße trafen, fragten sie sich: Wollen wir heute abend zusammen singen? Das ist doch schön. Trotz aller Fremdherrschaft hat sich die Kultur des Baltikums in den Volksliedern bewahrt. In ihnen spiegelt sich alles, was den Menschen im Alltag wichtig ist." Vor uns auf dem Tisch liegt ein Buch mit dem Titel: "All mein Gedanken – Deutsche Volkslieder".
Eva-Maria Hagen greift erneut zur Gitarre: "Diese Lieder sind in mir fest verankert", sagt sie, "meine Großmutter hat sie mir immer vorgesungen. Plötzlich kommen Erinnerungen aus der Kindheit zum Vorschein, die unter dem Weltgeröll für immer begraben schienen. Es macht mich glücklich, dass ich mich wieder traue, sie zu singen. Das deutsche Volkslied hatte nach dem Krieg ja etwas Anrüchiges. Ich besitze einen wunderbaren Korb voller saftiger Lieder. Und den schütte ich gelegentlich aus..." So wird sie beispielsweise am 19. Oktober (ihrem Geburtstag) im Konzerthaus am Gendarmenmarkt einen Volksliederabend geben.
Zur Zeit jedoch probt sie ihr neues Programm "Und ick baumle mit de Beene...", mit dem sie zum 300-jährigen Preußenjubiläum auf Tournee gehen wird. Dort gibt sie unter anderem Aufmüpfiges von Wedekind, Klabund, Glaßbrenner, Tucholsky, Hollaender, Heine, Brecht und Biermann zum Besten. Auch anonyme Texte sind dabei, deren derbe Poesie nach deftiger Interpretation verlangt. Kein Problem für Eva-Maria Hagen. "Dem Willem dem Doofen, dem Oberjanoven, dem ham se die Krone jeklaut, jaja", plärrt sie im Stile einer Zille-Göre. "Na wer hat denn die Krone jeklaut? Der Ebert, der Helle, der Sattlerjeselle, der hat ihm die Krone jeklaut! Was macht denn jetzt Willem und Sohn? Der Willem und Sohn, die jehn jetzt als Clown,
weil sie nüscht mehr verdien aufm Thron, jaja... Solche Sachen."
Engel, das hatten wir zu Beginn unseres Gesprächs scherzhaft vermutet, können durchaus irdischer Natur sein. Vorausgesetzt, sie können fliegen. Ist sie ein Engel?
Eva-Maria Hagen schaut mich verblüfft an. "So etwas hat mich noch niemand
gefragt, da muß ich erst einmal überlegen." Auf der Suche nach der Antwort scheint ihr Gesicht eine Verjüngungskur ins Zeitlose zu durchlaufen. "Ein Teufel bin ich jedenfalls nicht", sagt sie und gibt ihrer Gitarre einen Klaps auf den Resonanzboden.


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